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Musik quer denken

Eine Rubrik von  Norbert Schläbitz

Prolog
Reizüberflutung tut Not oder: Von der Notwendigkeit derselben
Vom erwartbaren Scheitern anerkannter Lernkonzepte
Was Informatiker und Instrumentenbauer gemeinsam haben
Klassenmusizieren ade?
Der „Luxus“ vom „Natürlichen“ oder „Einfachen“ zu reden
Empirische Forschung

Prolog
 
Die Rubrik „Musik quer denken“ wird in monatlichen Abständen Sachverhalte, die sich im engeren oder weiteren Sinne um Musik und Pädagogik ranken, eben „quer denken“, oder anders ausgedrückt: „gegen den Strich lesen“. Dabei wird von dem Grundpostulat ausgegangen, dass der Mensch sich generell in liebgewordenen Gewohnheiten bewegt, die in der permanenten Wiederholung mitunter geradezu „ontischen“ Charakter erhalten.

Beobachtungen – woran auch immer – werden dann nur noch in eine Richtung hin gelesen und eine Revision einmal gemachter Erfahrungen und Erkenntnisse ist nur schwer noch möglich, wo zudem eine Gemeinschaft aufgrund eines ähnlichen Standpunktes zu ganz ähnlichen Ergebnissen und Schlüssen kommt. Die Folge: Liebgewordene Gewohnheiten werden insgesamt so nur ungern aufgegeben und gegen „Einfälle“ aller Art verteidigt – das ist menschlich. Was man weiß, dessen ist man gewiss: Das schafft Sicherheit. Die Ungewissheit dagegen verunsichert. So verlässt man sich doch lieber, auf das, was man weiß.

Allerdings verliert die permanente Wiederholung von Wissen – auch in der Variation, die jede Wiederholung einschließt – sich schließlich in der Redundanz. Das selbstgewisse Bildungswissen ist somit nichts anderes als eine besondere Erfahrung der Redundanz und Werte mit ontischen Charakter sind auf Dauer besehen ohne wirklichen Informationswert. Wissen und Werte mögen Haltepunkte liefern, aber kaum einen wirklich bewegenden Grund, sich auf den Weg zu machen. Sicher: Haltepunkte sind markierende Stützen und zwecks erster Orientierung in der Welt fraglos notwenig und absolut unverzichtbar, allerdings stehen sie auf einem beweglichen Grund. Mit anderen Worten: Die Gesellschaft, Welt oder das, was man von ihr zu wissen glaubt, verändern sich. Wo sich Wissen und Werte nicht mitbewegen und im Prinzip als veränderungsresistente Güter geschützt und Dritten angeboten werden sollen, sind sie endlich weniger hilfreiche Stützen als nicht mehr recht funktionstüchtige Krücken, die aktuell nicht mehr das zu leisten imstande sind, was sie in ihrer Zeit einst leisteten: eine haltvolle Stütze zu sein.

Genau deswegen wird auch heute in der Bildungspolitik weniger auf die Ressource „Wissen“ und mehr auf die Ressource „Lernen“ gesetzt, mit deren Hilfe neues Wissen immer wieder neu zu schöpfen ist. Norbert Bolz hat einmal den schönen Satz von Fritz B. Simon zitiert, der es auf den Punkt bringt: „Wissen und Lernen sind Gegensätze. Wo Wissen bewahrt wird, wird Lernen verhindert.“ Zu selbstgewisse Wissenswelten schaffen „Lernbehinderungen“ (Simon). Ein „Quer denken“ allenthalben lohnt sich also.

Vor diesem Theoriehintergrund ist die Rubrik entfaltet. Wir wollen den Anspruch aber nicht zu hoch hängen: Die hier erscheinende Rubrik sucht „Wissen“ und allzu Selbstverständliches gegen den Strich zu lesen, in der Hoffnung, dass mit einem anderen Beobachtungsstandpunkt ein – wie bescheiden auch immer sich ausnehmender – Horizont anderer Möglichkeiten und Mehrwert aufscheint, der zum Nachdenken, vielleicht zur Diskussion anregt. Es reicht aber auch schon, wenn mit dem Wechsel des Standortes eine hoffentlich konstruktive Irritation währt, die verdeutlicht, dass – was immer gewiss scheint – von einem Ort und einer Person aus gesagt ist. Was immer dann als Wissen im Raume steht, steht unter der Verantwortung desjenigen, der beobachtet, erkennt bzw. Wissen erschließt. So bleibt offenbar, dass Wissen ein bewegliches, an menschliche Beobachtungsweisen gebundenes Gut ist und kein statisches „Objekt an sich“, das man sich aneignet und dann irgendwie innehat.

Was für Themen werden dabei behandelt?

Ein Stichwort, mit dem sich bspw. zu beschäftigen lohnt, ist die Auseinandersetzung mit der so genannten „Reizüberflutung“, die generell negativ konnotiert wird. Was passiert, wenn man hier differenzierter beobachtet oder „querdenkt“? Möglicherweise ist die Reizüberflutung ein gar nicht so übler, sondern notwendiger Faktor, damit Entwicklungen überhaupt möglich werden. Wir werden sehen.

Oder: Möglicherweise verbirgt sich hinter einem anderen Stichwort: der Proklamation der „Ganzheitlichkeit“ und einem „Zurück zur Natur“ keine neue Bescheidenheit, sondern ein ziemlich unbescheidender Luxus! Wir werden dem nachgehen.

Themen können sich – wo sich dies anbietet – auch aus aktuellen Diskussionen um Musik oder Pädagogik ergeben. Abschließend: Themen können und sollen in die unterschiedlichsten Richtungen weisen und aus den unterschiedlichsten Richtungen kommen.

Wohin das führt, Musik und ergänzend Pädagogik so quer zu denken? Wer will das schon wissen? Aber das ist ja das Schöne und Spannende daran: die Überraschung und eine daran geknüpfte, vielleicht ganz klein wenig veränderte Sichtweise! Und auch, wenn Gedachtes bleibt, wie es ist: das Bewusstsein, dass man alles auch so ganz anders denken könnte. Vielleicht stellt sich auch etwas Ärger darüber ein, dass andere Menschen so ganz anders denken und die eigene Gewohnheit irritieren. Damit aber ist doch im Grunde der Anfang für einen weiterführenden, konstruktiven Dialog schon gelegt – oder etwa nicht? Und Luhmann, der zur abendländischen Wissenstradition stets so quer lag, mag recht behalten, dass am Anfang die Differenz und nicht die Identität verortet liegt.
3.9.2002

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