|
Netzkritik
|
|
Schon gehört?
Das Radio ist ein selbstverständlich unseren Alltag begleitendes Medium, dem wir nur selten unsere ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Gewohnheitsmäßig drücken die meisten NutzerInnen zum Frühstück oder im Auto dieselben Programmtasten, unabhängig davon, ob es sich um ein Kulturprogramm wie Bayern 4 oder eine Jugendwelle wie N-Joy Radio2 handelt. Eigentlich schade, dass nur selten Sendungen bewusst ausgewählt werden, gibt es doch im Radio viel Spannendes zu entdecken, das auch für den Musikunterricht von Nutzen sein könnte. Und die Auswahl an Sendern und Programmen ist größer denn je, da es heute über das Internet möglich ist, eine unüberschaubare Zahl an Radiosendern unaufwändig in guter Tonqualität zu empfangen.
Im Musikunterricht
Aus schulischer Perspektive ist da zunächst das breite Angebot an öffentlich-rechtlichen Programmen zu nennen, die jetzt unabhängig vom persönlichen Standort zu hören sind.
Attraktiv sind besonders Spartenprogramme wie Funkhaus Europa oder Radio Multikulti mit ihrem besonderen Weltmusik-Profil. Die gesendeten Musiktitel in den Magazinen und die Musiksendungen mit Hintergrundinformationen können zum Beispiel gut für interkulturelle Ziele im Musikunterricht genutzt werden. Neben den auch terrestrisch zu empfangenden Programmen haben viele Sender im Internet zusätzliche Webchannels mit Profilen jenseits der Massentauglichkeit. So bietet der WDR mit 1Live diggi und 1Live Kunst zwei Channel für jugendliche Hörer. Während 1Live diggi ein reines Musikprogramm mit HipHop, R’n’B und Dance ist, hat 1Live Kunst einen ambitionierteren Anspruch. Unter dem Titel „WDR! Kultur! Remixed! Kultur macht Denken. Kultur ist Musik. Kultur ist cool!“ heißt es zur Musik: „Hier gibt es keine Hits, hier läuft Popmusik vom Maßschneider. Nur die Guten, Verrückten, Außergewöhnlichen, die Besonderen eben. Rettet die Wale mit Gustav und Realise mit den Part Time Heroes, Blumenthal von Ulrich Schnauss und Ta Douleur von Camille und … ach, die kennt ihr nicht? Solltet ihr aber. Dringend.“ Wird das Ohr neugierig auf fremde Klänge, lohnt sich die Suche nach den Sendern aus anderen Ländern.
Orientierungshilfen
Eine erste Orientierungshilfe kann der Radio Locator sein, der über 10.000 Radiostationen auflistet, 2.500 davon mit Audio-Stream. Besonders bei der „advanced search“ bietet der Radio Locator recht zielgenaue Suchmöglichkeiten. Auch die deutschsprachige Seite www.surfmusik.de kann als Ausgangspunkt genutzt werden.
Eine weitere Radioseite, die durch ihre NutzerInnen ständig erweitert und aktualisiert wird, ist RadioRoku. Sie bietet zudem die Möglichkeit, ein externes Gerät zu konfigurieren, mit dem Webradios auch ohne PC gehört werden können. Diese Geräte, so genannte Netzwerk-Player, werden mittels LAN-Kabel oder WLAN ans Netz angeschlossen und bieten dann den gewohnten Komfort bei der Radionutzung.1
Die aktuell empfangenen Sender werden auf dem Display angezeigt. Teilweise gilt dies auch für die Musik, die gerade gespielt wird. Ein wesentlicher Vorteil liegt neben der Ortsungebundenheit in den komfortablen Suchfunktionen. Es kann mit der Fernbedienung nicht nur nach Sendernamen, sondern auch nach Ländern, Sprache und Genres gesucht werden. Nach der Auswahl eines Senders dauert es einen kleinen Moment, bis das Programm erklingt. Bei schlechten Verbindungen, die jedoch bei einem ausreichend guten DSL-Anschluss eher selten sind, kann es auch zu kurzfristigen Unterbrechungen kommen.
Auf der RadioRoku-Seite werden derzeit mehr als 3.000 Sender aus 67 Ländern ausgewiesen. Aufgrund des hohen technischen Aufwands für die Verbreitung von Webradios sind dies überwiegend europäische Sender und Sender aus dem anglo-amerikanischen Raum. Afrikanische Sender sind dagegen fast nicht, asiatische nur vereinzelt vertreten.
Die Fülle der Sender macht eine Orientierung schwierig. Hier helfen nur Anhören und Lesen der Sender-Webseite, um die so gefundenen Schätze dann in einer Playlist für den schnellen Zugriff zu speichern. Zu meinen persönlichen Favoriten gehört derzeit u. a. das Swiss Internet Radio, auf dem (historische) Jazzaufnahmen und Klassik ohne jegliche Wortbeiträge zu hören sind. Bei Interesse an moderner indischer Musik, Bluegrass oder Salsa: Auch diese Stilrichtungen sind nur einen Knopfdruck entfernt. Selbst Radio Vatikan kann problemlos empfangen werden.
Leider fehlen im Internet bislang gute (internationale) Programmzeitschriften für das Radio. Das Programmsuchseite der ARD oder von HörZu bieten erste Einstiegspunkte für deutschsprachige Sender, können aber nicht wirklich überzeugen. Es fehlt zu oft an vergleichbaren Informationen, wie sie für jede Fernsehsendung zur Verfügung stehen. Bisweilen finden sich auf den Webseiten der Sender weiterführende Informationen (z. B. Playlists der gespielten Titel).
Ein letzter Tipp: Wer am legalen Mitschnitt von Webradios mit automatischer Speicherung der Musiktitel in einzelne MP3-Dateien interessiert ist, sollte sich einmal die kostenlose Software ClipInc anschauen.
1 Eine gute, wenn auch nicht mehr ganz aktuelle Einführung in die Nutzungsmöglichkeiten von Netzwerk-Playern und ihre Technik bietet Arno Kral (2004) mit seinem Text Vergleichstest – Netzwerk-Player.
Thomas Münch
Musik & Bildung 3/2007
|